Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen beschäftigt immer noch zahlreiche Akteure in ganz Europa. Am Symposium „Good Hosting von Sportfans“ wurden aktuelle Ansätze und Erkenntnisse aus der Schweiz und weiteren europäischen Ländern diskutiert, die mithelfen können, sichere und friedliche Spiele zu ermöglichen.

Die Universität Bern präsentierte am 3. Mai 2019 ein vielseitiges Programm mit hochkarätigen internationalen Referenten. Vor rund 150 Vertreterinnen und Vertretern aus Polizei, privaten Sicherheitsfirmen, Cluborganen, Sozioprofessioneller Fanarbeit, Politik und Liga berichteten Wissenschaftler, Polizeikader und Club- und Ligavertreter aus dem In- und Ausland über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung und „Good Practice“-Beispiele im Umgang mit Sportfans. Das Spektrum der Präsentationen umfasste dabei operative Arbeitsweisen der SLOs in Schweden, architektonische Einflüsse auf das Fanverhalten oder neue Polizeistrategien im Vereinigten Königreich.

Den Höhepunkt des Tages stellte das Referat der beiden Experten aus England dar. Prof. Dr. Clifford Stott von der Keele University kommt nach jahrzehntelanger Forschung zu einem vernichtenden Urteil: „Unsere traditionellen Wege, Konflikte im Fussball zu verstehen, haben wenig oder gar keine stützenden Belege und wurden von der Wissenschaft weitgehend verworfen.“ Heute gilt der „Ansatz der sozialen Identität“ als führende wissenschaftliche Theorie in der Massenpsychologie. Menschenmengen entwickeln trotz unterschiedlicher individueller Haltungen und Einstellungen (z.B. zu Gewalt) als Reaktion auf eine Aktion im Umfeld eine kollektive, soziale Identität, welche die persönliche Identität übersteuern kann.

So kann aus einer Menge von 20 Personen ohne grundsätzliche Gewaltbereitschaft, innert Sekunden ein gewalttätiger Mob entstehen. Dieses „Elaborated Social Identity Model“ beschreibt vor allem auch Auswirkungen der Polizeiarbeit auf das Verhalten einer Menschenmenge und untersucht die effektiven Ursachen für die Entstehung von Gewalt. Stott warnt davor, dass „die wahllose Anwendung von Gewalt ein neu definiertes Gefühl der Einheit in der Menge in Bezug auf die Illegitimität und Ablehnung der Aktionen der Polizei schafft“. Er fordert deshalb auch, aktuelle Muster in der Polizeiarbeit in Bezug auf die Arbeit mit Menschenmassen, insbesondere Sportfans, radikal zu überdenken. Wissenschaftlich gebe es keinen Grund, an einer veralteten Einsatzdoktrin festzuhalten. Denn auch im Vereinigten Königreich „ist das Gewaltproblem im Fussball bislang nicht gelöst“.

Diese Meinung vertritt auch Chief Superintendent Owen West von der West Yorkshire Police (Bild). Und auch er fordert einen Paradigmenwechsel in der (polizeilichen) Arbeit mit Fanmassen, hin zu einer konsequenten Umsetzung des Dialog-Konzepts. Die Argumente dafür sind erdrückend. Die West Yorkshire Police macht eine Vielzahl von Vorteilen geltend, die nur einen Schluss zulassen: Dialog funktioniert und ist effizienter als alle bisher entwickelten, vorwiegend repressiven Konzepten zur Bewältigung von Gewalt im Umfeld von Sportveranstaltungen.

So stellt Owen fest, dass durch Dialog nicht nur die Qualität der gewonnen Informationen und der Einfluss auf die Menschenmassen steigen, er stärkt vor allem die Legitimität und Verhältnismässigkeit der polizeilichen Massnahmen. Dialogorientierte Arbeit reduziert Kosten und Konflikte: Auf den konsequenten Dialog zu setzen ist „ethisch und moralisch das Richtige; wartet nicht darauf, bis euch eine weitere Tragödie zum Handeln zwingt“. Dialog sei der einzige erprobte und wissenschaftlich belegte Lösungsansatz.

Dass dies nicht von heute auf morgen passieren kann, ist den beiden Experten bewusst. Auch ein Dialog-Modell bietet keine schnelle Lösung. Im Gegenteil braucht es ein langfristiges Engagement der Beteiligten, ernsthafte Zusagen und einen bewussten Umgang damit. Nur so können Vertrauen und Strukturen wachsen, die belastbar sind und worauf das Modell letztlich aufbaut. Aber Achtung: „Trust takes years to build and seconds to break“.


Mehr zum Symposium und der Forschungsstelle Gewalt bei Sportveranstaltungen der Universität Bern: http://www.ispw.unibe.ch/forschung/abteilung_sportwissenschaft_ii/forschungsstelle_gewalt_bei_sportveranstaltungen/index_ger.html

Videobeitrag über Prof. Dr. Clifford Stott und seine Erkenntnisse: https://youtu.be/ystTS_264V8?list=PLhv2mBITlrX7SCuasmZo6OeXY3TUyn3MR

Artikel über “ Policing crowds without force“ des ESRC: https://esrc.ukri.org/news-events-and-publications/impact-case-studies/policing-crowds-without-force/